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Bulimie-Online Informationen zu Bulimie Die Set-Point-Theorie: Warum Diäten meist erfolglos bleiben

Die Set-Point-Theorie: Warum Diäten meist erfolglos bleiben

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Nach dieser Theorie hat jeder Mensch ein bestimmtes Körpergewicht, mit dem es ihm relativ gut geht, und welches vom Stoffwechsel unter normalen Bedingungen erstaunlich konstant gehalten wird. Die Höhe dieses Gewichtes wird als Set-Point bezeichnet. Sein genauer Wert ist wahrscheinlich angeboren und kann dauerhaft nicht wesentlich beeinflusst werden, ohne dass gesundheitliche Probleme auftreten. Man könnte sagen, der Körper sei gewissermaßen "bemüht", das für ihn stabile und insofern auch "normale" Ausgangsgewicht - den Set-Point eben - zu behalten.

Man kann zwar kurzfristig Abnehmen, langfristig wird der Körper aber immer wieder das stabile Ausgangsgewicht anstreben, um negativen Folgen zu entgehen. Das gleiche gilt auch für die andere Richtung; bei einer starken Gewichtszunahme. Es kommt zu Stoffwechselveränderungen, so dass über längere Zeit gesehen wieder das "normale" Gewicht ereicht wird.

Studien die diese Theorie belegen sind keineswegs neu - schon in den 50er und 60er Jahren wurden die Auswirkungen von Reduktionsdiäten bzw. einer hochkalorischen Ernährung und deren Auswirkungen auf das Gewicht und die Psyche untersucht.

Experimentelles Untergewicht durch Reduktionsdiät

Die in diesem Zusammenhang vielleicht wichtigste Studie wurde 1950 in Minnesota in den USA von der Arbeitsgruppe um Keys durchgeführt und sollte die Konsequenzen von Hunger auf die Psyche und die körperliche Verfassung untersuchen. Teilnehmer waren 36 junge, psychisch gesunde Männer mit durchschnittlichem Gewicht, denen die freiwillige Mitwirkung an diesem Experiment als Alternative zum Militärdienst angeboten worden war. Die gesamt Studie dauerte 1 Jahr. Während sich die Männer in den ersten 3 Monaten ganz normal nach ihren bisherigen Gewohnheiten ernähren sollten, wurde in den darauf folgenden 6 Monaten (Diätphase) die individuelle tägliche Kalorienmenge halbiert. Unter dieser Reduktionsdiät verloren die Teilnehmer durchschnittlich 25% ihres Gewichtes. In den letzten 3 Monaten (Rehabilitationsphase) bekamen sie dann wieder zunehmend mehr zu essen und nahmen dementsprechend langsam zu.

Die Ergebnisse der Studie zeigten überraschende Veränderungen im Verhalten der Männer.

Während der Diätphase waren sie in Gedanken immer stärker mit Essen beschäftigt und konnten sich immer weniger auf andere Dinge konzentrieren. Dies galt nicht nur für die Gesprächsthemen, sondern beispielsweise auch für die Auswahl von Lesestoff; einige Männer begannen, Kochbücher zu lesen und Rezepte oder Kochutensilien zu sammeln. Einige begannen, Teile der Mahlzeiten aufzuheben und Nahrungsmittel zu horten. Sie verbrachten viel Zeit damit, sich Gedanken über kommende Mahlzeiten zu machen und deren Ablauf gedanklich im Voraus zu planen. Dabei waren sie in ihren Überlegungen oft unentschieden, ob sie das Essen schnell auf einmal verschlingen oder langsam und bedächtig genießen sollten. Einige verbrachten schließlich Stunden mit dem Essen einer Mahlzeit, für die sie früher nur wenige Minuten benötigt hätten. Sie würzten die Speisen mit auffälligen Mengen zum Teil ungewöhnlicher Zutaten. Viele entwickelten regelrechte "Ticks" in Bezug auf alles, was in irgendeinem Zusammenhang mit Essen stand. Einer fiel durch den Diebstahl von Süßigkeiten auf.

Die Teilnehmer erlebten große Stimmungsschwankungen, die meisten wurden depressiv und bekamen zum Teil sogar Suizidgedanken. Viele reagierten auf Kleinigkeiten gereizt und nervös. Sie verloren Ihre Freude an sozialen Kontakten, reagierten oft apathisch und mit zunehmendem Rückzug und hatten auch weniger sexuelle Interessen. Die Konzentrations- und Auffassungsfähigkeit ließ deutlich nach. Viele Männer zeigten plötzlich für sie ungewohnte Entscheidungsschwierigkeiten im Alltag.

Auch die körperliche Leistungsfähigkeit der Teilnehmer nahm ab. Die meisten verloren Ihre Ausdauer und ermüdeten schon bei leichten Anstrengungen schnell. Dennoch machten manche Männer bewusst - und teilweise exzessiv - Körperübungen, um abzunehmen und höhere Brotrationen zu bekommen bzw. eine Kürzung der Rationen zu vermeiden. Bei vielen Teilnehmern traten Schlafstörungen und Beschwerden im Magen-Darm-Bereich auf. Einige litten zusätzlich unter Haarausfall, Seh- oder Hörstörungen, Schwindelgefühlen, Kopfschmerzen und zum Teil erheblichen Kreislaufproblemen. Der Blutdruck, die Herzfrequenz und die Körpertemperatur sanken. Der Grundumsatz und damit der Energieverbrauch reduzierte sich um etwa 40%, weshalb die Männer weniger Gewicht verloren, als rein rechnerisch aufgrund der Kalorienreduktion eigentlich zu erwarten gewesen wäre.

Mit Beginn der Gewichtszunahme in der abschließenden Rehabilitationsphase setzten die Männer zunächst überdurchschnittlich viel Fett an, so dass sich ihre Figur entsprechend veränderte. Viele machten sich daraufhin Sorgen um die Form von ihrem Bauch und Po. Erst wesentlich später hatte sich auch die ursprüngliche Muskelmasse wieder gebildet, und die Männer erreichten damit nicht nur ihr Ausgangsgewicht, sondern schließlich auch ihre ursprüngliche Figur wieder.

Schon während der 6-monatigen Diätphase traten bei den Männern, die in der Vergangenheit immer ein unauffälliges Essverhalten gezeigt hatten, erstmals Heißhungerattacken mit regelrechten Fressanfällen auf. Die betroffenen schämten sich deshalb; einige reagierten auch mit Übelkeit und Erbrechen. Das normale Gefühl für Hunger, Appetit und Sättigung war den meisten Teilnehmern schließlich vollständig abhanden gekommen. Diese Probleme warn mit der Beendigung der Diät und dem Beginn der Rehabilitationsphase jedoch keineswegs sofort verschwunden, sondern dauerten ebenso wie die Heißhungerattacken zum Teil noch mehrere Monate an. In einigen Fällen hatten sich die Männer am Ende des Jahres noch immer nicht von der Diät und den damit verbundenen Beschwerden vollständig erholt, sondern zeigten noch länger ein gestörtes Essverhalten. Nach Beendigung des Experiments wechselten einige den Beruf: ein Mann wurde Landwirt und drei absolvierten eine Ausbildung als Koch.

Experimentelles Übergewicht durch hochkalorische Diät

Die wichtigste Studie zur Frage, wie weit das Gewicht einer Menschen Durch eine drastische Erhöhung der täglich aufgenommenen Kalorienzahl ansteigt und welche Konsequenzen sich daraus für das psychische Befinden des Betreffenden ergeben, wurde bereits 1968 veröffentlicht. Im Rahmen dieser Untersuchung hatten sich 15 männliche Insassen des Vermont-State-Gefängnis bereit erklärt, innerhalb von sechs Monaten ihr Gewicht um 25% zu erhöhen.

Während anfangs die meisten Teilnehmer problemlos einige Kilogramm zunahmen, änderte sich dieses im weiteren Verlauf deutlich. Nur vier Männer nahmen Durch die Überernährung von maximal bis zu 10.000 Kcal pro Tag deutlich zu. Die Mehrzahl, d.h. 11 Teilnehmer, mussten sich für eine weitergehende Gewichtszunahme "sehr anstrengen" und zum Teil mit viel Überwindung große Mahlzeiten essen, um ausreichend zuzunehmen. Unter den Bedingungen einer hochkalorischen Ernährung hatte sich der Grundumsatz der Teilnehmer stark erhöht, d.h. der Stoffwechsel verbrauchte mehr Kalorien, indem er beispielsweise mehr Wärme und Schweiß produzierte. Aus diesem Grund hielt sich die beobachtete Gewichtszunahme in Grenzen und fiel geringer aus, als rein rechnerisch aufgrund der Kalorienzahl zu erwarten gewesen wäre.

Trotz großer Anstrengung hatten drei Teilnehmer bis zum Ende der Studie das Ziel der 25%igen Gewichtszunahme nicht ereicht. Nach Beendigung dieser Diät nahm die Mehrzahl der Teilnehmer schnell ab und erreichte bald wieder ihr Ausgangsgewicht. Nur zwei Männer blieben übergewichtig; bei ihnen fand sich eine familiäre Vorbelastung mit Übergewicht und sie waren bereits von Anfang der Studie an durch eine rasche und problemlose Gewichtszunahme aufgefallen.

Fazit

Die Befunde belegen die Set-Point-Theorie, nach der das individuelle Körpergewicht zu einem überwiegenden Teil biologisch festgelegt ist. Zwischen der täglichen Kalorienaufnahme und dem Körpergewicht besteht ein keineswegs enger Zusammenhang. Hierfür spricht auch die Beobachtung, wonach viele Menschen über lange Zeit hinweg ein stabiles und konstantes Gewicht halten, obwohl ihre tägliche Kalorienaufnahme in Abhängigkeit von ihrer momentanen Stimmung, von der beruflichen oder privaten Situation ebenso schwankt wie ihr Energieverbrauch durch wechselnde körperliche Aktivität.

Diäten, unregelmäßiges Essen, Fasten, Heißhungeranfälle, Erbrechen und der Gebrauch von Abführmitteln oder Appetitzüglern sind keine dauerhaft wirksame Methode zur Gewichtsregulation, da spezifische Stoffwechselveränderungen der Diät "entgegensteuern" und so den Set-Point "verteidigen", d.h. das Gewicht in dieser Höhe stabilisieren.

Im Gegenteil stören alle diese Maßnahmen das normalerweise vorhandene Gefühl für Hunger und Sättigung - aus diesem Grund können auch bei bislang psychisch gesunden Menschen im Rahmen einer Reduktionsdiät alle Symptome einer Magersucht oder Bulimie auftreten. Solange bei Essstörungspatienten also das Gewicht noch unterhalb des Set-Points liegt, ist das Erreichen eines unauffälligen Essverhaltens und eines normalen Sättigungsempfindens bei gefülltem Magen sehr unwahrscheinlich.

Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 05. Juni 2010 um 19:16 Uhr  

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